Landesfachtagung

"Malenka Föth aus der siebten Klasse der Theodor-Heuss-Schule in Baunatal und die beiden Neuntklässler Moritz Lange und Johannes Kozub zeigten währenddessen im Workshop 5, dass sich Schülerpartizipation selbst auf einer Tagung für Lehrer/innen verwirklichen lässt: Sie stellten die Funktionsweise eines Klassenrats vor, "einer Stunde der Schüler/innen", die in Baunatal fest im Stundenplan verankert ist. "Wir besprechen dort Probleme der Klassengemeinschaft, Probleme mit Lehrern, die wir dann zur Klärung auch in unsere Stunde einladen, planen aber auch Projekte für das Schulfest oder wie wir unsere Klassenfahrt gestalten", erzählten die Drei. Schwierigkeiten würden die Schüler/innen auf diesem Weg lernen auf demokratische Weise selbst zu lösen, "und", versprach Malenka Föth den teilnehmenden Lehrerinnen und Lehrern, "der Fachunterricht wird entlastet"."

Auszug aus dem Bericht über die Landesfachtagung (siehe unten).

Bericht der Landesfachtagung (SAG Hessen)

Die Landesfachtagung 2012 der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Hessen am 1. November 2012 in Frankfurt am Main


Ein Bericht von Julia Wittenhagen

"Wie nehme ich mein Kollegium mit auf den Weg beim Umbau unserer Schule?", "Wie binde ich lokale Partner nachhaltig ein in unser Nachmittagsangebot?" und: "Wie schaffe ich es, trotz knapper Personaldecke die Schüler besser zu fördern und länger zu betreuen?". Diese und viele andere praktische Fragen zur Umsetzung des "hessischen Qualitätsrahmens für die Profile ganztägig arbeitender Schulen" sorgten dafür, dass die Landesfachtagung 2012 der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Hessen am 1. November sehr gut besucht war. Rund 300 Schulleiter und Lehrer, zunehmend aber auch Vertreter der Schulträger und außerschulischen Kooperationspartner wie dem ASB, kamen in den schönen Räumen des Dominikanerklosters in Frankfurt zusammen. Über die Hälfte der hessischen Schulen arbeitet mittlerweile schon ganztägig, wobei sich 75 Prozent nach der Definition des Qualitätsrahmens auf Stufe 1 bewegen. "Immer mehr Schulen machen mit und die, die schon im Programm sind, bauen ihre Aktivitäten aus. Unser Ziel ist es, im nächsten Schuljahr 30 Prozent der ganztägig arbeitenden Schulen auf Stufe 2 und 3 zu haben", sagte Wolf Schwarz vom Hessischen Kultusministerium in seinem Grußwort und lud alle Beteiligten eindrücklich ein, Informationsveranstaltungen zum Programm zu nutzen, den Schulämtern Rückmeldung über den Status Quo zu geben und bei Defiziten in der Umsetzung zügig Einfluss auf die Schulträger zu nehmen.

Im Anschluss beleuchtete der renommierte Erziehungswissenschaftler Professor Jürgen Oelkers von der Universität Zürich in seinem Eröffnungsvortrag, wohin die Reise geht, wenn deutsche Schulen für das "Lernen im Ganztag" wirklich den traditionellen "Halbtag" über Bord werfen.

Ganztagsschulen seien ein Erfolg, weil die deutsche Schule mit Ausdehnung ihrer Zeit und Zuständigkeit auf gesellschaftliche Anforderungen reagiert habe, war Oelkers Ausgangsthese. Alte Akzeptanzprobleme seien im Zuge des "Ursula-von-der Leyen-Effekts" hinweggefegt worden, weil immer häufiger beide Elternteile arbeiten und insbesondere getrennt lebende Paare sehr dankbar seien, wenn ihre Kinder verlässlich betreut würden – möglichst auch bei den Hausaufgaben. "Für Eltern die größte schulische Zumutung, die neben dem Sitzenbleiben denkbar ist", scherzte Oelkers, der immer wieder auch die Perspektive des Vaters einnahm. Hausaufgaben seien ja nichts anderes als die stillschweigende Einführung der Ganztagsschule gewesen "mit dem Effekt, dass Eltern nicht nur die Aufsicht zu übernehmen hatten, sondern auch noch vergeblich auf die intrinsische Motivation warten mussten."

Für die Kinder bringe eine Ganztagsschule ebenfalls deutliche Vorteile, weil Studien zeigen, dass "die Quantität des Unterrichtens eine Rolle spielt", sagte Oelkers. Wenn Schüler mehr Zeit in pädagogisch hochwertigen Einrichtungen verbringen, verbessere sich ihre Leistung, ihre Motivation und ihr Sozialverhalten. Dies sei das zentrale Ergebnis der jüngsten Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) von 2010.

An der Qualität aber müsse hierzulande noch gearbeitet werden. Die erste StEG-Studie von 2007 habe gezeigt, dass der Unterricht nicht immer gut auf andere Aktivitäten abgestimmt sei und es Defizite gebe bei fachbezogenen Angeboten und der individuellen Förderung an Grundschulen.

"Letztlich muss sich die Schule in Deutschland neu erfinden", sagte er, denn mit dem Ganztag ändere sich alles: "Das Grunderleben der Schüler ist nicht nur Unterricht plus Beiwerk wie Projektwochen, die Lehrkräfte sind nicht mehr die einzigen Bezugspersonen, das Angebot der Schule erweitert sich und die Ziele der Schule betreffen nicht mehr nur das fachgebundene Curriculum."

Erzieher, Sozial-, Heil-, Musik-, SportpädagogInnen und ehrenamtliche Kräfte – sie alle gelte es frühzeitig in das Konzept einzubinden – genauso wie Eltern und Schüler/innen, lautete eine seiner Forderungen. "Ideal wäre es, schon die Ausbildung aller pädagogischen Berufe inhaltlich auf das neue Lernfeld Ganztagsschule abzustellen", sagte Oelkers. Allen voran die Lehrerbildung: "Niemand wird auf den Betrieb in einer Ganztagsschule vorbereitet, obwohl dort die Hälfte aller neuen Arbeitsplätze entsteht", mahnte der Professor.

Als Herausforderungen für "echte" Ganztagsschulen, in denen das Lernen am Vormittag und Nachmittag sinnvoll aufeinander bezogen ist, nannte er exemplarisch die Einbindung der kommunalen Jugendarbeit, der Nachhilfe, Integration, Frühförderung, Bewegung und gesunden Ernährung, des soziales Lernens und der Ausweitung der Selbstinstruktion der Schüler mittels Programmen, Laptops und Meeting-Points.

Die Tatsache, dass etwa die Hamburger Ganztagsschulen schon mit Sportvereinen, Musikschulen und Organisationen der Kinder- und Jugendarbeit kooperieren, wertete der Professor als gute Entwicklung "in Richtung einer kommunalen Bildungslandschaft, die für Vernetzung sorgt, wo heute noch getrennte Wege beschritten werden."

Viele Teilnehmer/innen empfanden den Vortrag als sehr anregend, wenn manchen auch danach der Gedanke an die praktische Umsetzung in der eigenen Schule umtrieb. "Wir sind auf der Jagd nach Kräften für Aktivitäten am Nachmittag, aber tun uns schwer", sagte ein Lehrer aus Weilburg. "Uns bewegt die Frage, wie man schnellstmöglich von Qualitätsstufe 1 in Stufe 2 kommt. Denn die Personalsituation drängt, weil das Ganztagsangebot immer stärker angenommen wird", berichtete Schulleiter Bernd Steioff. Rhythmisierung ergebe sich bei ihm schon daraus, "dass die Kantine aus allen Nähten platzt und wir im Schichtbetrieb essen. Darüber hinaus nutzen wir schon die Hallen von Sportvereinen, bieten über die Kirche Sozialpraktika bei Demenzkranken und über die Sparkasse Bewerbungstrainings an."

Genau um solche Einblicke in die Aktivitäten anderer Schulen und den Erfahrungsaustausch unter Kolleginnen und Kollegen ging es in dem Workshop-Menü, aus dem sich die Teilnehmer/innen nach dem Vortrag zwei Veranstaltungen aussuchen konnten. Das Angebot bot Input zu allen Handlungsfeldern, die die Schulen im Rahmen des hessischen Ganztagsprogramms bearbeiten müssen, und reichte von der generellen Steuerung einer Ganztagsschule, Schüler- und Elternpartizipation oder neuer Lernkultur bis zu gesunder Ernährung.

Im Workshop 1 zum "Individualisierten Lernen in der rhythmisierten Ganztagsgrundschule" beschrieben beispielsweise die heutige Schulleiterin der Freiherr-vom-Stein-Schule in Rodgau, Ursula Eller, und ihr Vorgänger Wendelin Grimm sehr eindrucksvoll, welche Maßnahmen sie ergriffen  haben, um der Heterogenität der Schüler gerecht zu werden. "Wir haben den Anspruch auf Gleichheit aufgegeben und das fällt einem Lehrer schwer", sagte Grimm. "Jetzt schaffen wir gleiche Lerngelegenheiten, aber legen unterschiedliche Ziele auf Basis der Selbsteinschätzung der Kinder fest." Dazu wurden der Tagesrhythmus und die Raumnutzung komplett geändert und der Unterricht geöffnet für freie Arbeitszeiten. Auf Hausaufgaben könne dadurch in den ersten beiden Klassen verzichtet werden. "Ich verstehe mich als Bereiter von Lerngelegenheiten, als Lernberater und Zuhörer", beschrieb Ursula Eller ihren Paradigmenwechsel. Die veränderte Lehrerrolle nehme die Schüler/innen verstärkt in die Verantwortung. Nicht mehr die Lehrer/innen, sondern die Schüler/innen sollen in der Schule agieren. Wie man es schafft, Grundschulkinder von 8 Uhr bis 13:30 Uhr zu unterrichten, obwohl der Personalschlüssel nur für 21 bis 25 Stunden ausgelegt ist, und andere Fragen beantworteten die beiden Praxiserfahrenen mit viel Geduld und Erfahrung.

Ein Stockwerk über ihnen ging es um kompetenzorientiertes Lernen: Dort formten die Teilnehmer/innen in Arbeitsgruppen Aufgaben aus Schulbüchern um in offenere Fragen mit mehr Nähe zum Erfahrungshorizont der Schüler/innen. Malenka Föth aus der siebten Klasse der Theodor-Heuss-Schule in Baunatal und die beiden Neuntklässler Moritz Lange und Johannes Kozub zeigten währenddessen im Workshop 5, dass sich Schülerpartizipation selbst auf einer Tagung für Lehrer/innen verwirklichen lässt: Sie stellten die Funktionsweise eines Klassenrats vor, "einer Stunde der Schüler/innen", die in Baunatal fest im Stundenplan verankert ist. "Wir besprechen dort Probleme der Klassengemeinschaft, Probleme mit Lehrern, die wir dann zur Klärung auch in unsere Stunde einladen, planen aber auch Projekte für das Schulfest oder wie wir unsere Klassenfahrt gestalten", erzählten die Drei. Schwierigkeiten würden die Schüler/innen auf diesem Weg lernen auf demokratische Weise selbst zu lösen, "und", versprach Malenka Föth den teilnehmenden Lehrerinnen und Lehrern, "der Fachunterricht wird entlastet".   

Schulleiter Thomas Findeisen von der IGS Schillerschule in Offenbach begeisterte derweil seine Zuhörer/innen im Vortragssaal, indem er ihnen sehr offen seinen Weg zur Ganztagsschule schilderte ohne Stolpersteine zu verschweigen. "Ganztagsschulen schaffen ein gutes Schulklima", zeigte sich Findeisen überzeugt, "aber beim Weg dorthin hat ein Schulleiter nicht sehr viel mehr Mittel als seine Überzeugungskraft". Ob es um das Einreißen "historischer Mauern zu den Sportvereinen gehe", das Delegieren von Verantwortung an Projektgruppen oder die Professionalisierung seines Konzepts "Schüler kochen für Schüler", für das er einen Partner fand, der neuerdings sein Ausbildungsprogramm für angehende Köche in die Schule verlegt: Findeisen zeigte, was alles möglich ist und ging auf jede Frage aus dem Publikum ein. "Ich habe unheimlich profitiert von der Veranstaltung und nehme viele Impulse mit, wie ich mein Kollegium mit auf den Weg zur Ganztagsschule nehme", sagte Petra Klein von der Freiherr-vom-Stein-Schule in Hünfelden. Der Tag endete am späten Nachmittag mit vielen rauchenden Köpfen.

 

Autorin: Julia Wittenhagen 

Datum: 06.11.2012
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